Zugang zu Finanzdienstleistungen und Chancen für indigene Gemeinschaften in Ecuador

Zugang zu Finanzdienstleistungen und Chancen für indigene Gemeinschaften in Ecuador

Segundo Daquilema.jpg18. Juli 2016

Oikocredit vergab 1978 den ersten Kredit an eine Nonprofit-Organisation, die mit bäuerlichen Betrieben in Ecuador arbeitete. Seitdem haben wir unser Portfolio in dem lateinamerikanischen Land deutlich vergrößert: Insgesamt 49 Millionen Euro sind heute für Kredite und Beteiligungen an fast 30 ecuadorianische Partnerorganisationen vergeben.

Über die Arbeit von Oikocredit vor Ort konnten sich 16 engagierte Anlegerinnen und Anleger sowie Mitarbeitende unserer Genossenschaft persönlich ein Bild machen. So führte die diesjährige Oikocredit-Studienreise im Mai nach Ecuador. Diese bot die Möglichkeit für einen Austausch und Begegnungen mit dem Team des ecuadorianischen Oikocredit-Länderbüros sowie mit Mitarbeitenden der Partnerorganisationen und ihrer Kundschaft.

Nationalheld und Symbol des Stolzes

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studienreise besuchten unter anderem die Cooperativa Daquilema in der ländlichen Provinz Chimborazo in den ecuadorianischen Anden. Die Genossenschaft ist benannt nach Fernando Daquilema, einem indigenen Volkshelden und Freiheitskämpfer, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegen die Ausbeutung seines Volkes kämpfte und zu einem Symbol des Stolzes und Widerstands der indigenen Bevölkerung dieser Region geworden ist.

65 Prozent der Bevölkerung der Provinz Chimborazo sind indigenen Ursprungs. Die Mehrheit von ihnen lebt unterhalb der nationalen Armutsgrenze. Der Zugang zu Finanzdienstleistungen und damit die Möglichkeit, Sparkonten zu eröffnen oder Kredite zu beantragen, bleibt ihnen aufgrund mangelnder ökonomischer Sicherheiten oder auch aufgrund rassistischer Vorurteile häufig verwehrt. Die Cooperativa Daquilema hat es sich zur Aufgabe gemacht, die kulturelle Identität und das Selbstvertrauen der indigenen Bevölkerung zu stärken. Menschen indigenen Ursprungs machen bei Daquilema einen großen Teil der Kundschaft und der Mitarbeitenden aus. Die Beschäftigten der Genossenschaft tragen eine traditionelle indigene Tracht, und fast alle Angestellten sprechen eine der lokalen Sprachen wie beispielsweise Quichua.

Zum Programm der Studienreise gehörten Besuche bei Kundinnen und Kunden der Cooperativa Daquilema. Einer davon ist Segundo Vilema. Der 70-jährige Hutmacher betreibt seinen eigenen Laden in Riobamba, der Hauptstadt der Provinz Chimborazo, in der die Kooperative Daquilema gegründet wurde und ihre Zentrale hat. Segundo Vilema produziert schon seit fast 50 Jahren Hüte, die in Ecuador insbesondere in ländlichen Gebieten sehr häufig getragen werden – und zwar sowohl von Männern wie auch von Frauen.

Gemeinsame Werte und soziale Zielsetzungen

Noch vor zehn Jahren war das Geschäft von Segundo Vilema sehr klein. Er hatte den Plan, die Hutproduktion auszubauen und dazu Material höchster Qualität aus Italien zu importieren. Dafür brauchte er Kapital und wandte sich an Daquilema. „Diese Kooperative hat eine soziale Zielsetzung und sie unterstützen Kleinunternehmer, die hart arbeiten – so wie mich“, so der Hutmachermeister. Soziales Engagement und die Förderung von Handwerk und Kleingewerbe sind ihm wichtig, betont Vilema, der selbst engagiertes Mitglied einer Gewerkschaft ist. Diese sozialen Werte finde er auch in der Cooperativa Daquilema wieder. Dies weiß er ebenso zu schätzen wie das Vertrauen, das die Kooperative ihm entgegenbringt. „Sie kennen mich. Sie wissen, dass ich meine Kredite immer zurückzahle.“

Die Kooperative hat ihm jeden der beantragten Kredite gewährt. Der erste betrug 3.000 US-Dollar, der zweite 6.000 US-Dollar und der dritte und aktuelle 10.000-US-Dollar. Mit dem Kapital konnte Segundo Vilema wirtschaftlich wachsen und sein Angebot auf qualitativ sehr hochwertige Hüte ausweiten, was dem passionierten Handwerker sichtlich Freude macht und eine breite Kundschaft weit über Riobamba hinaus anspricht.

Investitionen in die Zukunft

Höhere Einnahmen ermöglichten es ihm und seiner Frau, ihren Kindern eine gute Bildung zu finanzieren. Einer ihrer Söhne ist heute promovierter Chemiker. All dies wäre ohne eine Mikrofinanzinstitution wie die Cooperativa Daquilema nicht möglich. Die Genossenschaft, die Unternehmergeist schätzt, hat Menschen wie Segundo Vilema den Zugang zu Finanzdienstleistungen ermöglicht, was vor einigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wäre. Die Cooperativa Daquilema hat sogar elektronische Zahlungen per Mobiltelefon eingeführt. In einem Land, in dem nur wenige einen Festnetzanschluss haben, aber ein Großteil der 15 Millionen Menschen im Land ein Handy besitzt, ist auch das ein wichtiger Schritt zu einem inklusiven Finanzwesen.

Mehr über die Cooperativa Daquilema erfahren

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